Michael Lissek, der Produzent des Ö1-Features „Ohne sie könnte ich nicht gehen“ (http://www.querarbeit.at/pflege-wir-bedienen-uns-am-globalisierten-arbeitsmarkt/), das das Pflegesystem in Österreich kritisch hinterfragt, hat mir Fragen zu seiner persönlichen Arbeitssituation beanwortet:
Querarbeit: Gibt es für sie so etwas wie einen typischen Arbeitstag? Wenn ja, wie schaut der aus?
einen typischen arbeitsalltag, den gibt es für mich. und dann auch wieder nicht.
ich bin das, was man einen freien autor nennt, d.h., ich bin weder vertraglich noch sonstwie an irgendjemanden oder irgendeine institution gebunden.
meine arbeit besteht zu beginn darin, ideen für radiostücke zu entwickeln (in der regel sog. radiofeatures: d.h. einstündige, künstlerisch gestaltete dokumentationen), und diese ideen zu verkaufen. gefällt einem sender (dem ORF; dem WDR, SWR oder sonstwem) die idee, dann kauft er sie, und ab diesem zeitpunkt existiert eine art vertrag zwischen mir und der sendeanstalt.
dann gehe ich los und suche menschen auf, die mir etwas zu dem thema erzählen können. und nehme diese gespräche auf band auf. das kann schnell gehen, das kann auch sehr lange dauern. ich habe ein stück über nibelungenfragmentfunde im stift zwettl produziert, da gab es vier interviewpartner, deren namen wußte ich von vornherein, und sie konnten über mein thema erschöpfend berichten, erzählen und es reflektieren. ein anderes meiner stücke setzt sich mit dem privatleben und -empfinden von pädophilen auseinander; da brauchte ich knapp zwei jahre, bis ich aussagewillige, nicht im gefängnis sitzende oder therapierte pädophile überhaupt FAND – und nachher wußte ich nicht, ob ich die aufgenommenen töne publizieren sollte, oder gleich zur staatsanwaltschaft gehen.
nachdem ich meine töne beisammen habe, schneide ich sie in handhabbare, akustische kleinteile. die transkribiere ich dann. und ordne sie auf dem papier zu einer art roh-manuskript an. fehlt etwas wesentliches, mache ich nach-aufnahmen oder schreibe einen eigenen text (es gibt kaum ein feature von mir, das soviel eigenen TEXT enthält wie “ohne sie könnte ich nicht gehen).
ist das manuskript fertig, schicke ich es an die sendeanstalt. die korrigieren oder winken durch – und danach produziere ich das stück in meinem eigenen studio. produzieren, d.h.: ich mache sprachaufnahmen mit schauspielern, ich suche musiken, geräusche, szenen zusammen, um die papierwelt des manuskriptes zum klingen zu bringen. und dann setze ich mich an meinen computer und schraube in 5 bis 20 tagen die mischung zusammen.
ich arbeite in der regel an zwei bis drei stücken gleichzeitig, neben den großen, einstündigen radiofeatures (von denen etwa 3 pro jahr entstehen), produziere ich kleinere beiträge von 5 – 8 minuten länge, hauptsächlich für den SWR und für DRadioWissen.
diese art des arbeitens generiert eine menge freiheit;
ich kann mir für mich keine arbeit vorstellen, die weniger “entfremdet” wäre. ich produziere und schreibe MEINE themen, ich nehme aufträge nur an, wenn sie mich interessieren, ich kann aufstehen und schlafen, wann ich will. der nachteil ist: ich beziehe kein regelmäßiges gehalt, und sollten mir einmal keine ideen mehr einfallen (oder die sender keine lissek-stücke mehr kaufen wollen), habe ich ein problem. um krankenkasse, versicherungen und altersvorsorge muß ich mich selber kümmern – auch das kein kleines problem.
meine arbeitszeiten differieren: in den endphasen eines features kann einer meiner tage 10 – 14 stunden lang sein; in der recherche-, anfangs- oder such-phase sitze ich sehr viel kürzer am schreibtisch – trage aber wohl meine gedanken und überlegungen minütlich mit mir herum. zum glück.
vielleicht noch dies: freie autorenschaft, wie vermutlich jede künstlerische oder journalistische tätigkeit, ist immer prekär. man ist zwar unabhängig von gesetzten arbeitszeiten – wohl aber abhängig vom zeitgeist, der seine verkörperung in redakteuren findet. oder allgemeiner: den publikationsorganen. erfolgreich feature (oder radio; oder zeitung) zu machen, bedeutet immer auch, in kontakt (und zwar: in verkaufs-kontakt) mit redakteuren zu stehen und zu bleiben. da unterscheidet sich der freie autor wenig vom versicherungsvertreter. das ist manchmal unangenehm – in meinem fall (der welt des features) aber nicht wirklich schlimm. denn – zum glück – waren die meisten featureredakteure auch einmal featureautoren und kennen die probleme und schwierigkeiten des interviews, der recherche etc. und: das feature sitzt als “radiophone dokumentation” in einer nische -: und ist also den drastischen veränderungen, beschleunigungen usw. der medialen welt weniger ausgesetzt, als es beispielsweise die “aktuelle berichterstattung” ist.
Querarbeit: Haben sie ihre Ausbildungen zum Teil selbst finanziert oder bot ihnen das öffentlich finanzierte Bildungssystem das Passende?
ich habe für das, was ich da tue, in der tat gar keine adäquate ausbildung. im letzten ist ein featureautor ein “akustischer schriftsteller” – und schriftstellerausbildungen gibt es meines erachtens noch keine (und es sollte auch keine geben. denke ich). ich selbst habe nach dem studium der literaturwissenschaft im selben fach noch promoviert – fertig war ich im alter von 30 jahren. bis dahin haben mich meine eltern unterstützt, b.z.w. erhielt ich von der universität berlin ein zweijähriges stipendium für meine dissertation.
nach abschluß der dissertation habe ich im drehbuchforum wien und in einem mexikanischen restaurant gearbeitet – und in dieser zeit begonnen, ideen an den ORF zu verkaufen. das funktionierte so gut, daß ich weitermachen konnte. seitdem schreibe und produziere ich wacker vor mich hin.
Michael Lissek schickt uns zum Abschluss die allerfreundlichsten Grüße aus einem langsam herbstlich werdenden Berlin.
www.michaellissek.com
“freie autorenschaft, wie vermutlich jede künstlerische oder journalistische tätigkeit, ist immer prekär.” Tolles Interview und sehr ehrlich noch dazu! Wer würde schon als Journalist, von dem eh jeder glaubt, dass er das schönste Leben hat, wirklich dafür einstehen, dass die Arbeitsverhältnisse auf keinen Fall die angenehmsten sind. Würde mich interessieren, ob Herr Lissek selbst gegen diese Arbeitsverhältnisse vorgeht – also zum Beispiel bei einem Pendant der österreichischen GPA ist, oder auch schon versucht hat eine fixe Anstellung zu kriegen, etc…